Wenn über digitale Souveränität gesprochen wird, folgt die Diskussion häufig einer bekannten Logik.
Wir müssen unabhängiger werden.
Wir müssen Kontrolle zurückgewinnen.
Wir müssen digitale Souveränität stärken.
Die Ursachen dafür werden meist schnell gefunden.
Zu viel Cloud.
Zu viele amerikanische Anbieter.
Zu wenig europäische Alternativen.
Zu wenig eigene Infrastruktur.
Doch vielleicht greift diese Diskussion zu kurz.
Denn bevor über Lösungen gesprochen wird, lohnt sich eine andere Frage.
Was genau meinen wir eigentlich mit digitaler Souveränität?
Eigene Rechenzentren?
Eigene Server?
Open Source?
Europäische Cloud-Anbieter?
Oder lediglich denselben Dienst bei einem anderen Anbieter an einem anderen Standort?
Die Antworten darauf unterscheiden sich erheblich.
Trotzdem werden sie häufig unter demselben Begriff zusammengefasst.
Dabei verändert sich zwischen diesen Varianten etwas Entscheidendes:
Die Verteilung von Verantwortung.
Ein Unternehmen kann seine Daten auf einem Server in Deutschland speichern.
Es kann seine Systeme bei einem europäischen Anbieter betreiben.
Es kann Open Source einsetzen.
Und dennoch einen Großteil der damit verbundenen Entscheidungen ausgelagert haben.
Der Standort allein beantwortet noch nicht die Frage nach der Souveränität.
Vielleicht ist deshalb eine andere Perspektive hilfreich.
Nicht:
Wem gehört die Infrastruktur?
Sondern:
Wer trägt die Entscheidungen?
Denn viele Organisationen hätten sich bereits in der Vergangenheit anders entscheiden können.
Niemand war gezwungen, Cloud-Dienste zu nutzen.
Niemand war gezwungen, Infrastruktur auszulagern.
Die Entscheidungen wurden getroffen.
Und häufig gab es gute Gründe dafür.
Die meisten Unternehmen existieren nicht, um Infrastruktur zu betreiben.
Sie entwickeln Produkte.
Sie erbringen Dienstleistungen.
Sie produzieren.
Sie verkaufen.
Sie lösen Probleme für ihre Kunden.
Die Auslagerung von Infrastruktur war deshalb oft keine Schwäche.
Sondern eine wirtschaftlich sinnvolle Entscheidung.
Verantwortung wurde abgegeben.
Komplexität wurde reduziert.
Entscheidungen wurden ausgelagert.
Nicht weil Organisationen dazu unfähig gewesen wären.
Sondern weil andere diese Aufgaben effizienter übernehmen konnten.
Genau deshalb führt die Suche nach Schuld häufig in die Irre.
Die interessantere Frage lautet möglicherweise:
Welche Zumutungen war eine Organisation bereit zu tragen?
Und welche nicht?
Denn jede Form von Souveränität erzeugt neue Zumutungen.
Betrieb.
Wartung.
Sicherheit.
Kompetenzaufbau.
Verfügbarkeit.
Kontrolle entsteht nicht kostenlos.
Sie wird mit Verantwortung bezahlt.
Diese Beobachtung gilt auch für Open Source.
Open Source wird häufig mit Transparenz, Kontrolle und Unabhängigkeit verbunden.
Weniger diskutiert wird, dass damit auch Entscheidungen zurückkehren.
Wer Open Source fordert, fordert häufig zugleich die Rückkehr von Verantwortung.
Das macht Open Source weder richtig noch falsch.
Es macht lediglich sichtbar, dass Kontrolle und Verantwortung nicht voneinander getrennt werden können.
Vielleicht besteht digitale Souveränität deshalb nicht darin, möglichst viele Entscheidungen selbst treffen zu können.
Vielleicht besteht sie darin, bewusst entscheiden zu können, welche Entscheidungen man selbst tragen möchte.
Diese Frage wird besonders interessant, weil sich die Bedingungen gerade verändern.
Über Jahrzehnte war Verantwortung teuer.
Betrieb war teuer.
Administration war teuer.
Know-how war teuer.
Genau deshalb wurden viele Aufgaben ausgelagert.
Vielleicht war das sogar der beste Weg.
Doch was passiert, wenn sich diese Kostenstruktur verändert?
Was passiert, wenn KI genau jene Aufgaben übernimmt, die bislang den größten Aufwand verursacht haben?
Wenn Administration einfacher wird.
Wenn Betrieb automatisiert wird.
Wenn Spezialwissen leichter verfügbar wird.
Dann verändert sich nicht nur Technologie.
Dann verändert sich die Zumutbarkeit von Verantwortung.
Plötzlich werden Entscheidungen interessant, die zuvor zu teuer waren.
Plötzlich werden Formen von Souveränität interessant, die zuvor organisatorisch nicht tragfähig waren.
Vielleicht waren Organisationen nie gegen digitale Souveränität.
Vielleicht waren die Kosten der Souveränität schlicht zu hoch.
Digitale Souveränität wird häufig als technologische Frage diskutiert.
Vielleicht ist sie in Wirklichkeit eine Frage organisatorischer Tragfähigkeit.
Denn jede zurückgewonnene Entscheidung muss nicht nur getroffen werden.
Sie muss auch dauerhaft gehalten werden.
Und wieviel Entscheidungsraum kann eine Organisation dauerhaft tragen?