Die Diskussion über Künstliche Intelligenz wird häufig als Wettlauf um bessere Fähigkeiten beschrieben.
Bessere Modelle.
Bessere Analysen.
Bessere Entscheidungen.
Bessere Umsetzung.
Diese Sicht erscheint selbstverständlich.
Vielleicht wird genau sie gerade fragwürdig.
Über Jahrzehnte entstanden Wettbewerbsvorteile durch Knappheiten.
Wissen war knapp.
Softwareentwicklung war knapp.
Analysefähigkeit war knapp.
Umsetzungskapazität war knapp.
Wer mehr davon besaß, konnte sich von anderen unterscheiden.
Genau diese Knappheiten beginnen sich zu verändern.
Wissen wird verfügbar.
Analysen werden verfügbar.
Softwareentwicklung wird verfügbar.
Umsetzung wird verfügbar.
Viele Diskussionen über KI beschäftigen sich mit den Folgen dieser Entwicklung.
Eine andere Frage wird deutlich seltener gestellt.
Was passiert, wenn Fähigkeiten ihren differenzierenden Charakter verlieren?
Die naheliegende Antwort lautet:
Dann gewinnen jene Organisationen, die bessere Entscheidungen treffen.
Doch auch diese Antwort wird zunehmend unsicher.
Moderne KI-Systeme analysieren ähnliche Daten.
Sie erkennen ähnliche Muster.
Sie optimieren ähnliche Ziele.
Sie erzeugen ähnliche Empfehlungen.
Je besser diese Systeme werden, desto ähnlicher könnten viele Entscheidungen werden.
Eine merkwürdige Konsequenz wäre denkbar:
Nicht nur Fähigkeiten verlieren ihren Unterschied.
Auch Entscheidungen verlieren ihren Unterschied.
Damit entsteht eine unangenehme Frage.
Wodurch unterscheiden sich Organisationen überhaupt noch, wenn ihre Fähigkeiten und Entscheidungen zunehmend austauschbar werden?
Warum existieren dann noch unterschiedliche Unternehmen?
Warum gibt es Toyota?
Warum gibt es Aldi?
Warum gibt es Familienunternehmen?
Warum gibt es Genossenschaften?
Warum gibt es Konzerne?
Wenn die besten Entscheidungen objektiv bestimmbar wären, müssten Organisationen langfristig konvergieren.
Tatsächlich konvergieren Organisationen erstaunlich selten.
Vielleicht liegt die Ursache dafür nicht in ihren Fähigkeiten.
Vielleicht liegt sie nicht einmal in ihren Entscheidungen.
Möglicherweise unterscheiden sich Organisationen durch etwas, das noch vor der Entscheidung liegt.
Durch die Bedingungen, unter denen bestimmte Entscheidungen überhaupt plausibel werden.
An dieser Stelle wird die Diskussion unübersichtlich.
Dann verschiebt sich die Beobachtungsebene.
Nicht mehr Software.
Nicht mehr Daten.
Nicht mehr KI.
Sichtbar werden andere mögliche Formen der Unterschiedsbildung.
Vertrauen.
Eigentümerstrukturen.
Beziehungen.
Historisch gewachsene Verpflichtungen.
Selbstbindungen.
Vielleicht.
Vielleicht aber auch über etwas völlig anderes.
Fest steht lediglich:
Wenn Fähigkeiten ihren differenzierenden Charakter verlieren und Entscheidungen zunehmend austauschbar werden, muss neu beobachtet werden, wodurch Organisationen überhaupt unterschiedlich werden.
Vielleicht ist das keine KI-Frage.
Vielleicht ist es eine Organisationsfrage, die schon lange existiert.
KI macht sie lediglich sichtbar.